„Ich habe doch nur gesagt, dass ich enttäuscht bin.“
Sie gehen zu Hause oft auf Zehenspitzen? Ein kleiner Satz von Ihnen reicht, und er explodiert? Hinterher heißt es, Sie seien zu empfindlich – und irgendwann fragen Sie sich selbst, ob Sie sich das alles nur einbilden?
Das Wort „Narzisst“ ist heute schnell gesagt. Von außen lässt sich keine Diagnose stellen, und in der Regel reicht die Bandbreite von narzisstischen Zügen bis zu einer ausgeprägten Persönlichkeitsstörung. Für Ihren Alltag ist das Etikett aber oft weniger wichtig als das Muster, das Sie erleben.
„Wären manche Menschen nicht in einer Ehe oder Beziehung, könnten sie ein Leben lang glauben, sie hätten keine Fehler.“Dr. Ellyn Bader
Was in ihm passiert
Ein typisches Muster: Bei kleinster Provokation steigt die Feindseligkeit schnell an. Darunter liegt meist ein Gefühl von Verletzung oder Verrat, weil der Partner einen unausgesprochenen Wunsch nicht erfüllt hat. Den Schmerz zeigt er selten verletzlich. Er zeigt ihn als Wut, manchmal als Härte.
Bader beschreibt, dass sich ein narzisstischer Mensch dabei gleichzeitig beraubt und berechtigt fühlt. Beraubt der Fürsorge und des Verständnisses, die er sich erhofft. Und berechtigt, sich zu nehmen, was er will.
Die Wut schützt vor dem Schmerz.
Wendy Behary, die mit narzisstischen Paaren arbeitet, beschreibt einen Narzissten als jemanden, der die Fähigkeit hat, Sie sehr tief zu verletzen – ohne Absicht, einfach um sein Ego zu schützen. Typische Reaktionen sind abstreiten, abtun, abwerten. „Ist doch keine große Sache.“
Was in Ihnen passiert
Partnerinnen von narzisstischen Menschen werden oft still, wenn es um ihre eigenen Wünsche geht. Aus Angst, beschuldigt zu werden oder sich wieder anhören zu müssen, dass alles ganz anders war.
Gleichzeitig spüren viele sehr genau den verletzten Menschen hinter der Maske. Das macht das Gehen so schwer.
Ein Gedanke, der in meiner Arbeit oft befreiend wirkt: Es ist nicht wegen mir. Ich bin nicht perfekt, aber ich bin nicht die Ursache für seine Ausbrüche.
„So mache ich das nicht mehr.“
Ziel ist, dass Sie wieder eine gute Anwältin für sich selbst werden. Mit aufrechtem Rücken. Behary gibt dafür ein Beispiel, das ich sehr mag:
„Ich weiß, dass du viel arbeitest, wichtige Projekte hast und müde bist. Aber es ist enttäuschend, Tag für Tag zu erleben, wie du versprichst, für die Familie da zu sein, und es dann nicht bist. Ich habe ein Problem damit. Ich kämpfe echt damit.“Wendy Behary
Kommt dann „Du bist zu sensibel, das habe ich nie versprochen“, können Sie sagen:
„Darauf lasse ich mich jetzt nicht mehr ein. Wir können später reden, wenn du ruhiger bist. Aber so mache ich das nicht mehr.“
Wichtig ist, dass auf so eine Grenze auch ein Verhalten folgt. Sie verlassen den Raum, Sie beenden das Gespräch. Für beide ist das zunächst bedrohlich, weil sich ein altes Muster verändert.
Wo die Grenze liegt
Wenn Sie sich bedroht fühlen, steht Ihre Sicherheit an erster Stelle. Dann ist Paartherapie oft nicht der richtige Rahmen, und Einzelarbeit hilft mehr.
Veränderung ist möglich, braucht aber Zeit. Erste Schritte zeigen sich vielleicht nach einem halben Jahr. Und sie setzt voraus, dass er selbst etwas verändern möchte. Wenn das nicht passiert, dürfen Sie jeden Tag neu und bewusst entscheiden, ob Sie bleiben oder gehen wollen.
Sie müssen dieses Muster nicht allein entwirren.
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