„Uns geht’s doch eigentlich ganz gut.“
Diesen Satz höre ich oft von Paaren, die trotzdem bei mir sitzen – meistens, weil einer von beiden ihn nicht mehr ganz glaubt.
Im Durchschnitt warten Paare rund sechs Jahre, nachdem ernsthafte Probleme erstmals sichtbar wurden, bevor sie sich professionelle Unterstützung holen. Sechs Jahre, in denen sich Verletzungen ansammeln, Muster sich festigen und die Distanz zur Gewohnheit wird.
„Wir wollten erst schauen, ob es sich von selbst regelt.“
Manchmal regelt es sich. Häufiger verfestigt es sich nur leiser.
Der Denkfehler, der so viele Paare zu lange warten lässt
Die meisten Menschen verbinden Paartherapie mit einem Notruf – etwas, das man erst holt, wenn eine Affäre aufgedeckt wurde oder eine Trennung im Raum steht. Genau diese Vorstellung führt dazu, dass viel zu lange gewartet wird. Solange die Beziehung nicht in Flammen steht, fühlt sich Hilfe zu holen wie eine Übertreibung an.
In meiner Arbeit mit dem Developmental Model nach Ellyn Bader und Pete Pearson sehe ich das anders, und das verändert für viele Paare den Blick auf ihre eigene Situation grundlegend: Konflikt ist dort kein Zeichen dafür, dass etwas kaputt ist, sondern ein normaler, sogar notwendiger Teil der Entwicklung einer Beziehung – der Moment, in dem zwei Menschen von der anfänglichen Verschmelzung zu einer echten, eigenständigen Verbindung finden müssen. Genau an diesem Übergang, den Bader und Pearson „Differenzierung“ nennen, geraten die meisten Paare ins Stocken. Dieser Schritt ist schwer, und er gelingt selten allein, unabhängig davon, wie sehr sich zwei Menschen lieben.
Was „es geht uns doch gut“ oft wirklich bedeutet
In den Erstgesprächen zeigt sich fast immer dasselbe Muster: „Es geht uns gut“ heißt häufig „Wir streiten nicht mehr über die Themen, die uns wirklich wichtig sind.“ Rückzug wird mit Frieden verwechselt. Aneinander vorbeileben wird als Harmonie verbucht.
„Wir sind ein gutes Team.“
Das ist ein Satz, den ich sehr ernst nehme. Er beschreibt selten eine glückliche Beziehung, eher eine, die aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln.
Wann Paartherapie sinnvoll ist, auch ohne Krise
Paartherapie eignet sich genauso als Prävention für Beziehungen, die grundsätzlich tragfähig sind, aber an einem Punkt stehen, an dem etwas Neues hinzukommt: nach der Geburt eines Kindes, wenn Nähe und Alltag sich neu sortieren müssen. In Phasen, in denen sich beide fremder werden, ohne dass ein konkreter Anlass benennbar wäre. Oder einfach dann, wenn dieselbe Auseinandersetzung zum wiederkehrenden Ritual geworden ist.
Ein Satz, den ich Paaren oft mitgebe, um das erste Gespräch überhaupt möglich zu machen: „Ich will nicht warten, bis wir uns nichts mehr zu sagen haben.“ Er verschiebt den Zeitpunkt, zu dem sich Paare Hilfe holen, deutlich nach vorn, bevor aus Distanz Gewohnheit wird.
In meiner Praxis erlebe ich häufig, dass gerade die Paare, die früh kommen, in wenigen Sitzungen erstaunlich viel bewegen. Ihre Themen sind dabei selten kleiner als die anderer Paare. Zwischen ihnen liegt aber meist noch genug guter Boden, auf dem sich etwas Neues aufbauen lässt.
Was Sie sich selbst fragen können
Bevor Sie entscheiden, ob es jetzt an der Zeit wäre: Reden Sie noch über das, was Sie beide wirklich bewegt, oder nur noch über Termine und Logistik? Fühlt sich Nähe an wie etwas, das Sie sich erarbeiten müssen? Und: Gibt es ein Thema, um das Sie beide seit Monaten oder Jahren einen Bogen machen?
Wenn eine dieser Fragen ein ungutes Gefühl auslöst, ist das selten Zufall.
Häufige Fragen
Nein. Es ist aus meiner Sicht absolut sinnvoll, präventiv eine Therapie zu machen, in einer Übergangsphase oder einfach, weil Sie merken, dass Sie sich auseinanderentwickeln, bevor daraus eine echte Krise wird. Wir lernen nirgendwo, wie man eine gesunde Beziehung führt. Sich hier Unterstützung zu holen, statt die Ideale aus Social Media und Co. zugrunde zu legen, ist aus meiner Sicht das größte Geschenk, was Sie sich und Ihrer Beziehung machen können.
Das ist ein häufiger Startpunkt. Oft reicht die Bereitschaft eines Partners, das erste Gespräch zu vereinbaren, um den anderen mit ins Boot zu holen. Wenn eine Person sich allerdings sehr verschließt gegenüber der Idee, Therapie zu machen, dann ist ein Beziehungscoaching alleine die bessere Entscheidung. Ich kann und will nicht gegen den Widerstand einer Person arbeiten.
Wenn Sie sich fragen, ob es für Ihre Beziehung Zeit für Unterstützung wäre, auch ohne akute Krise, lade ich Sie zu einem kostenlosen Erstgespräch ein. Gemeinsam schauen wir, wo Sie als Paar gerade stehen.
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